Kraftanstrengung für den Spatz der Niedermoore – Der Seggenrohrsänger im Odertal

Es ist ein ganz schönes Ballyhoo, das dieser kleine Vogel da verursacht: Der Seggenrohrsänger, kaum größer als ein Spatz, vernetzt Fachleute auf der ganzen Welt, bringt Politiker von nah und fern an den Tisch und veranlasst Finanzierungsvolumina in Millionenhöhe.

In seinem Fall muss das wohl auch so sein: Der unscheinbare Piepmatz, der der Vielweiberei und -männerei frönt, ist die am stärksten bedrohte Singvogelart Europas. Einst siedelten die Seggenrohrsänger zu Hunderttausenden in einem Gürtel, der von der Ostsee bis Ungarn und von den Niederlanden bis nach Westsibirien reichte. Heute schätzt die Forschung den weltweiten Bestand auf nur noch knapp 12.000 bis 14.000 singende Männchen, 95 Prozent weniger als zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts.

Schuld ist die jahrzehntelang im großen Stil betriebene Entwässerung von Feuchtbiotopen sowie die Eindeichung von Überschwemmungsgebieten zugunsten von Torfabbau und Landwirtschaft.  Die Vögel sind Spezialisten der Feuchtwiesen in den Niedermooren, wie sie in Flussniederungen und Senken entstehen. Hier dominiert eine lockere Vegetationsstruktur mit krautigen Pflanzen sowie den Seggen, jenen kniehohen, büschelartigen Sauergräsern, denen die Sänger den ersten Teil ihres Namens verdanken.

(Foto: Eugene Archer via flickr.com)

(Foto: Eugene Archer via flickr.com)

Dieser Lebensraum ist von Natur wegen zumindest in der EU praktisch verschwunden. Allein im Südwesten Weißrusslands gibt es noch größere Populationen der Seggenrohrsänger, außerdem in der Ukraine sowie der polnischen Biebrza-Niederung.

Hierzulande ist die Art dagegen so gut wie ausgestorben. Einzig im Unteren Odertal an der polnischen Grenze keimt noch Hoffnung. Jedes Jahr zeigen sich hier von Mai bis Juli ein paar der Vögel, neuerdings sogar wieder auf stabilem Niveau. Intakte Niedermoore gibt es zwar auch hier nicht mehr, aber Reste davon, die im Rahmen eines  E+E-Projekts erhalten, entwickelt und in Absprache mit den örtlichen Landwirten gemanaget werden sollen.

Für das naturgucker-Magazin war ich dort zu Besuch und habe mir von dem Projektleiter Jochen Bellebaum erklären lassen, wie das Ganze funktionieren soll und was das alles mit Frankreich, Litauen und Afrika zu tun hat (einen Eindruck davon, was in dem Heft noch so alles drinsteht, gibt es hier).

Bei weiterem Interesse am Thema, das exemplarisch zeigt, wie Biotop- und Artenschutz vielleicht funktionieren können, wenn nur (internationaler) Wille da ist, sei zudem noch die schöne Radioreportage “Operation Seggenrohrsänger” von Anselm Weidner empfohlen.

Und jetze zum Ausklang noch’n Filmsche, damit man den Sänger endlich auch mal flöten und ratschen hört und sieht. Und bitte:

[Anm.: Ein früheres Bild zeigte irrtümlich einen Schilf- statt einen Seggenrohrsänger. Daher wurde es gegen das aktuelle ausgetauscht.]

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3 Responses to Kraftanstrengung für den Spatz der Niedermoore – Der Seggenrohrsänger im Odertal

  1. Lieber Herr Fabian,
    Auf Ihrer Seite vom 29.10.2013 möchte ich kurz antworten. Das Bild zeigt einen Schilfrohrsänger! Einen Bestand von hunderttausenden Seggenrohrsängern hat es wohl nie gegeben. Es finden sich in der älteren Literatur überhaupt keine Bestandszahlen. Leider wird es in Deutschland zu keinen dauerhaften Ansiedlungen kommen. 2015 haben hier keine Seggenrohrsänger mehr gebrütet. Auch auf polnischer Seite der Oder sieht es leider sehr schlecht für die Art aus. Leider! Viele Grüße von Gertfred Sohns.

    • Hallo Herr Sohns,

      herzlichen Dank für Ihren Kommentar sowie das aufmerksame Lesen! Denn Sie haben Recht: Das Bild zeigte tatsächlich einen Schilfrohrsänger. Ich habe es daher ausgetauscht.

      Was die hunderttausenden Exemplare angeht: Da die aktuellen Zahlen lediglich auf Schätzungen beruhen, dürften auch Angaben zu früheren Bestände nicht vollkommen gesichert sein – zumal die Forschung zum “Seggi” meines Wissens erst in den 1990er Jahren einen echten Aufschwung erlebte. Quellen wie die Polish Society for the Protection of Birds (OTOP) oder das Baltic Environmental Forum Lithuania (BEF) sprechen dennoch davon, dass die einstige Weltpopulation der Art inzwischen um gut 95 Prozent eingebrochen ist. Das wiederum spricht nach Adam Riese auf Grundlage der aktuellen Zahlen für einen Ausgangsbestand von nahezu 300.000 Exemplaren – und zwar nur bezogen auf singende Männchen.

      Gleichwohl ändert dies nichts daran, dass es um die Vögel, wie Sie richtig sagen, zumindest in unseren Breiten leider sehr schlecht bestellt ist. Immerhin: In Litauen verzeichneten BEF-Ornithologen in den vergangenen Jahren wieder deutlich mehr singende Männchen – wenn auch ausgehend von einem geringen Ausgangsniveau. Unklar blieb zudem, ob es sich um einen wirklichen “Zuwachs” oder lediglich um migrierende Exemplare aus anderen Populationen handelt.

      Es bleibt daher abzuwarten, ob diese Entwicklung ein Grund zu vorsichtigem Optimismus ist. Klar dürfte schon jetzt sein, dass es weitere Forschung bzw. Monitoring sowie Schutzmaßnahmen braucht, damit sich die “Seggi”-Bestände stabilisieren und ggf. sogar wieder erholen – nicht nur in Litauen.

      Mit besten Grüßen!
      Roy Fabian

  2. Hallo Herr Fabian,
    schön, dass sie so schnell reagiert haben. Ich würde mich auch riesig freuen über eien Bestandsanstieg und Wiederbesiedlung “geeigneter” Lebensräume durch den Seggenrohrsänger. Was er zum Leben benöigt ist bekannt; ganzjährig flach überstaute Seggenriedflächen! Diese lassen sich nicht mit der heutigen Landwirtschaftstechnik bewirtschaften. Auch Kettenfahrzeuge, die durch dasWasser fahren können sind keine Alternative, da sie die Seggenbulten zerstören. Mahd im Sommer vernichtet die Bruten. Eine fehlende Streuschicht verhindert die Nestgründung. Weitere Informationen finden sie auch im “Aktionsplan zum Schutz des Seggenrohrsängers”. (bereits von 2003 – aber kaum beachtet).
    Viele Grüße, Gertfred Sohns

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