Fish’n’Ketchup – Wie Aquaponiker die Welternährung umkrempeln wollen

Die Luft in dem Gewächshaus am Berliner Müggelsee riecht feucht und etwas modrig, die Innentemperatur beträgt knapp 26 Grad Celsius. Pumpen brummen, Wasser plätschert, Tomatenstauden ringeln sich in die Höhe. Dazwischen tummeln sich goldrote Fischschwärme in gewaltigen schwarzen Plastikfässern. Es sind Tilapien aus der Familie der Buntbarsche, zappelige Dinger, die jedem, der seine Nase zu neugierig in ihre Becken steckt, eine Dusche verpassen.

Werner Kloas ist einer der Erfinder dieses Tomaten-Barsch-Hauses. Am Leibniz-Institut für Binnenfischerei und Gewässerökologie (IGB) leitet der Zoologe die Abteilung Ökophysiologie und Aquakultur. Ihn treibt eine große Frage um: Wie lassen sich im Jahr 2050 mehr als 9 Milliarden Menschen ausreichend und ausgewogen ernähren – und zwar ohne die zweifelhaften Methoden der konventionellen Landwirtschaft? “Man wird die bestehenden Anbauflächen kaum erweitern können”, ist der 56-Jährige überzeugt. Kloas’ Antwort lautet daher: “Wir müssen Kreisläufe schließen.” Zum Beispiel, indem man Gemüse mit Fischabwässern düngt – das Prinzip Aquaponik.

In der IGB-Pilotanlage des "Tomatenfischs"

In der IGB-Pilotanlage des “Tomatenfischs” (Quelle: IGB Berlin)

Schon die alten Chinesen machten sich solch kombinierte Fisch-Gemüsezuchten zunutze, indem sie Schmerlen und Karpfen in ihren Reisfeldern hielten. Jahrtausende später schicken sich quer über den Globus Forscher wie Werner Kloas an, die Aquaponik für die Neuzeit fit zu bekommen. Ihr Ziel: Den steigenden Fischbedarf in aller Welt zu decken, und zwar ohne die Umweltfolgen vieler bestehender Aquakulturen. Ihre Lösung: Das Zusammenschalten von kreislaufartigen Fischzuchtanlagen, sogenannten Recirculating Aquaculture Systems (RAS), mit hydroponischen Gemüsekulturen, die nicht in Erde, sondern einer Nährlösung gedeihen – auf dass sich beide in einer Quasi-Symbiose gegenseitig ergänzen, die vorhandenen Ressourcen optimal genutzt und natürliche Ökosysteme so wenig wie möglich belastet werden.

Wie das im Einzelnen aussieht, welche Verheißungen, aber auch Kniffligkeiten damit verbunden sind und wie Start-Ups und Entrepreneure diese Idee bereits in Form von Dach- und Stadtfarmen in die Praxis holen, habe ich mir für die Mädels und Jungs von Perspective Daily näher angeschaut. Voilá: Fish’n’Ketchup!

Grüne Fleischfresser – Die faszinierende Welt karnivorer Pflanzen

Was hat es bloß mit diesen seltsamen Gewächsen auf sich? Derartige Fragen beschäftigten einen gewissen Charles Darwin, als er im Sommer 1860 von einem Ausflug durch die südenglische Grafschaft Sussex zurückkehrte. Auf einer Heide hatte er dort unzählige Exemplare der Pflanzenart Drosera rotundifolia entdeckt. Wie mit Tau waren ihre Blätter benetzt, und auf ihnen klebten Fliegen und sogar kleine Schmetterlinge. „Ich hatte wohl gehört, dass Insekten so gefangen würden, wusste aber nichts weiteres über diesen Gegenstand“, notierte Darwin später.

Angetrieben von dieser Wissenslücke unterzog der große Naturforscher besagte Drosera-Art, auch unter dem Namen Rundblättriger Sonnentau bekannt, sowie weitere Kleingetier fangende Kräuter umfangreichen Beobachtungen und Experimenten. Seine 1875 im Buch „Insectivorous Plants – Insectenfressende Pflanzen“ veröffentlichten Resultate waren bahnbrechend: Auch die so harmlos anmutenden Geschöpfe der Florenreiche ernähren sich mitunter räuberisch.

Klebfalle eines Sonnentaus mit Beute (Quelle: Volkmar Becher/flickr.com)

Klebfalle eines Sonnentaus mit Beute
(Quelle: Volkmar Becher/flickr.com)

Heute sind weltweit etwa 700 Arten fleischfressender Pflanzen oder Karnivoren, wie sie auch genannt werden, bekannt. Zwar konzentrieren sich die meisten Spezies auf einen Gürtel rund um den Äquator sowie den Südwestzipfel Australiens. Prinzipiell sind Karnivoren jedoch quer über den Globus verbreitet.

Dank ihrer erstaunlichen Fähigkeiten können sie Standorte erobern, die den meisten anderen Pflanzen verschlossen bleiben. Moore und stehende Gewässer gehören dazu, ebenso zeitweise überflutete Sandflächen oder Felsen. Lebenswichtige Elemente wie Stickstoff, Phosphor oder Magnesium sind hier Mangelware. Um ihren Speiseplan decken zu können, gehen Karnivoren daher auf die Jagd – und erwischen dabei nicht nur Insekten: In den Blattkannen mancher asiatischer Arten haben Forscher schon Frösche, Kriechtiere und sogar Ratten gefunden.

Auch in Deutschland sind von Natur aus 13 verschiedene Karnivoren zu finden, darunter der Rundblättrige Sonnentau. Was zur ihrer Beute gehört (Spoiler: Es sind nicht nur Insekten…), welche Techniken sie dabei anwenden und wie es um ihre Gegenwart und Zukunft bestellt ist, kann in der aktuellen Ausgabe des NATURGUCKER Magazins nachgelesen werden, für die ich mich eingehender mit Karnivoren beschäftigen durfte. Eine äußerst faszinierende Angelegenheit, wie schon Charles Darwin wusste: „Ich habe mich unendlich an der Arbeit mit Drosera ergötzt“, schrieb er im Spätherbst 1860 an befreundete Kollegen. „Im Moment ist mir das wichtiger als die Abstammung aller Arten in der Welt.“

Dem Wunder auf der Spur – Durchatmen im Thüringer Wald

Hier also soll es sich ereignet haben, das Wunder. Kaum zu glauben eigentlich, so verschlafen wie es in Tambach-Dietharz zugeht. Gut 4000 Einwohner, eine Kirche, ein Kurpark, ein Waldschwimmbad sowie ein paar Gaststätten und Eiscafés – das war es dann auch schon in diesem Nest, das es sich im Schoß des Thüringer Walds zwischen Gotha, Schmalkalden und Ilmenau gemütlich gemacht hat. Und dennoch hat Tambach-Dietharz einen kleinen Platz in der Weltgeschichte. Eben wegen dieses Wunders im Jahr 1537. Und das ging so:

Martin Luther, der große Reformator, weilte in jenen Tagen in besagtem Schmalkalden zu einer wichtigen kirchenpolitischen Tagung, als ihn furchtbare Unterleibschmerzen ereilten. „Der Teufel hasst mich, er hat mich jetzt in seine Klauen gekriegt“, wähnte er sich bereits dem Tode nah. Die Qualen zwangen ihn alsbald zur Abreise in Richtung Tambach, wo er in der Nacht zum 27. Februar urplötzlich wieder genas: Ein paar Nierensteine hatten sich gelöst, höchstwahrscheinlich gelockert durch die holprige Fahrt sowie ein Fußbad wenige Stunden zuvor. Luther freilich sah höhere Mächte am Werk. Noch vor Sonnenaufgang schrieb er seinem Mitstreiter Philipp Melanchthon: „Aus Tambach, dem Ort meiner Segnung, denn dies ist mein Phanuel, an dem mir Gott erschien.“

Tambach-Dietharz, der Ort, in dem Luther Gott am Werk sah

Tambach-Dietharz, der Ort, in dem Luther Gott am Werk sah

Glücklicherweise plagen uns ein knappes halbes Jahrtausend später keine vergleichbaren Beschwerden. Dennoch wollen wir, also Flo, seine Freundin und ich, an einem Frühsommertag herausfinden, ob es sich in Tambach-Dietharz und Umgebung auch ein knappes halbes Jahrtausend später noch wundersam erholen lässt. Die Voraussetzungen erscheinen viel versprechend: Ringsum erheben sich sanft geschwungene Bergketten mit ausladenden Wäldern, aus denen sieben Bäche ins Tal hinunterfließen. Das örtliche Wanderwegenetz bringt es auf stolze 200 Kilometer Länge, überdies trägt Tambach-Dietharz den offiziellen Titel eines Luftkurorts. Durchatmen sollte hier also nicht das Problem sein.

Tatsächlich klappt es letztlich ausgezeichnet. Irgendwie hatten wir es ja auch schon geahnt, nicht von ungefähr trägt der Thüringer Wald den klangvollen Beinamen “grünes Herz Deutschlands”. Denn hier ist es einfach nur schön. Im Spittergrund mit seinem gluckernden Bächlein und den bemoosten Baumalleen zum Beispiel. Oder auf der weiß-gelb-blau gesprenkelten Ebertswiese oder am Falkenstein, einem Koloss von Fels. Oder in der verwunschenen Röllchen-Schlucht, zwischen deren Felswänden man sich wie ein Urdinosaurier vorkommt. Oder. Oder. Oder.

Durchatmen im Thüringer Wald: Ein. Und aus. Ein. Und wieder aus...

Durchatmen im Thüringer Wald: Ein. Und aus. Ein. Und wieder aus…

Leuten, die Bock haben, die Gegend rund um Tambach mal selbst unsicher zu machen, sei die aktuelle outdoor empfohlen. Da steht das alles nämlich noch genauer drin inklusive der Bilder von Flo sowie fünf detaillierten Tagestouren mit Karten. Wenn das nix is…

Waldmeister Berlin – Die multitalentierten Bäume der Hauptstadt

“Hot town, summer in the city
Back of my neck getting dirty and gritty
Been down, isn’t it a pity
Doesn’t seem to be a shadow in the city
All around, people looking half dead
Walking on the sidewalk, hotter than a match head…”

So besangen 1966 The Lovin’ Spoonful den von der Sommersonne befeuerten Glutofen Stadt. Das New Yorker Quartett fand seine Zuflucht damals in der Nacht, wenn sich der erhitzte Asphalt langsam abkühlt und einzig auf den Tanzflächen der Clubs noch das Feuer lodert.

In Berlin ergeben sich auch schon tagsüber Erfrischungsmöglichkeiten. Denn Berlin ist nicht nur ein Großstadtdschungel. Berlin hat auch einen: Ein Fünftel der Stadt ist mit Wald bedeckt. Zusammen mit seinen Beständen im Umland verfügt Berlin über insgesamt knapp 30.000 Hektar. Das ist eine Größenordnung, die in Europa ihresgleichen sucht.

Der berühmte Berliner Grunewald, "Waldgebiet des Jahres 2015" (Quelle: BDF)

Der berühmte Berliner Grunewald, “Waldgebiet des Jahres 2015
(Quelle: BDF)

Und dieser Wald, er wirkt wie ein riesiger Kühlakku. Mittels Verdunstung, Strahlungsaufnahme und Beschattung. Was längst nicht alles ist: Dank ihrer Reinigungs- und Speicherfähigkeiten kommen rund 80 Prozent des städtischen Trinkwassers aus Berlins Wäldern. Wie Dunstabzugshauben säubern überdies ihre Blätter und Nadeln den Großstadtmief – weswegen Waldluft zum Beispiel bis zu 15 Mal weniger Bakterien enthält als ihr City-Pendant.

In Zeiten von Urbanisierung und Klimawandel geraten derartige, in der Fachwelt oft als “Ökosystemdienstleistungen” bezeichnete Talente sogar zu einer Gretchenfrage. Längst gelten nicht nur Arbeitsplätze, Kulturangebot oder Wohnraum als Standortvorteile von Städten, sondern auch Grünflächen und Wälder. Nicht zuletzt, weil sie neben ihres eher unsichtbaren Könnens eben auch eine Menge offensichtlicher Lebensqualität bieten: Allein in Berlin verzeichnet der Wald 250 Millionen Besuche pro Jahr, von Spaziergängern, Radfahrern und Naturfreunden.

Das ist eine Menge. Dennoch finden sich abseits der Hot Spots noch immer stille und geheimnisvolle Flecken. Man muss sich nur auf die Suche machen. Erste Hinweise hierzu finden sich im kürzlich erschienen Sonderheft des tip “Sommer in Berlin”, für das ich an einem Feature zum Thema Berliner Wald mitarbeiten durfte. Gibt’s an Kiosken, in Bahnhöfen oder online zu bestellen. Ansonsten finden sich eine Menge Tourenvorschläge auch hier bei den Berliner Forsten.

Insofern: Statt gerösteter Gehirne und durchgebrannter Sicherungen lieber ab in den Wald! Dahin, wo der “shadow” ist…

Hoffnung für den “Märkischen Strauß” – Zu Besuch bei den letzten Großtrappen Deutschlands

Er sieht aus wie ein Kunstwerk von Salvador Dali. Leuchtendes Weiß, ein Hauch von Rotbraun sowie helles Grau mit einem Stich ins Himmelblaue, alles seltsam ineinander verschwommen. Er bläht den Hals, reckt den Federbart, spreizt aufreizend die Flügel von unten nach oben, dreht sich, hebt das Hinterteil, tänzelt, stolziert. Ein prächtiger Anblick, solch ein balzender Großtrappenhahn.

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Balzender Großtrappenhahn im Westhavelland. (Quelle: Förderverein Großtrappenschutz)

Das Spektakel findet von Mitte März bis Mitte Mai statt, dann, wenn die Hähne an bereits seit Generationen genutzten Balzplätzen zusammenkommen und prahlerisch um die Gunst der Hennen werben. Dass es hierzulande überhaupt noch in freier Wildbahn zu bewundern ist, war lange Zeit nicht ausgemacht.

Ursprünglich kamen und kommen die Großtrappen in den Steppen Europas und Mittelasiens vor, deren offen einsehbare Strukturen ihrem wachsamen Wesen entsprechen. Als ab dem Mittelalter für die Landwirtschaft Wälder gerodet und Sümpfe trockengelegt wurden, besiedelten die Vögel zunehmend auch die „Kultursteppen“ des Acker- und Weidelandes und waren im 18. Jahrhundert in ganz Europa bis nach Schottland und Südschweden weit verbreitet.

Davon kann heute keine Rede mehr sein: Inzwischen gelten die kolossalen Tiere weltweit als gefährdet, die etwa 50.000 verbliebenen Exemplare leben in versprengten Restpopulationen von Spanien bis zum westlichen China. Die Roten Listen verzeichnen die Art hierzulande sogar als vom Aussterben bedroht. Ehemalige Vorkommen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen sind vor Jahrzehnten erloschen, einzig an der Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Brandenburg finden sich noch drei kleine Einstandsgebiete.

Ingesamt knapp 170 Großtrappen leben dort derzeit, im Havelländischen Luch bei Buckow, dem Fiener Bruch im Süden Genthins sowie auf den Belziger Landschaftswiesen. Dass es sie noch gibt, ist örtlichen Ornithologen rund um das Ehepaar Heinz und Bärbel Litzbarski zu verdanken, die sich in den Siebziger Jahren an den Schutz der vom Exodus bedrohten Vögel machten. Ein Förderverein führt die Arbeit bis heute fort und versucht, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Art hierzulande ihr Überleben wieder aus eigener Kraft sichern kann.

Wie das konkret passiert, habe ich mir im Rahmen eines Vor-Ort-Besuchs erklären lassen und für die aktuelle Ausgabe des NATURGUCKER Magazins aufgeschrieben. In dem Bericht geht es um die industrialisierte Landwirtschaft, um Fuchs, Waschbär und Seeadler, aber auch darum, wieso es leise Anzeichen der Hoffnung gibt, dass das atemberaubende Angebertum der Großtrappenhähne auch in Zukunft zu bewundern ist. Schön wäre es ja. Denn ohne den “Märkischen Strauß”, der eigentlich mit den Kranichen und Rallen verwandt ist,  würde was fehlen:

Hurra, wir werden erwachsen! – Überlegungen zum Verhältnis von Nachhaltigkeit und Journalismus

„Der Klimawandel ist nicht die Geschichte unserer Zeit“, sagte der Wissenschaftsjournalist Andrew Revkin einmal. „Der Klimawandel ist nur ein Teil von ihr. Sie besteht darin, dass wir anfangen, erwachsen zu werden auf einem endlichen Planeten, und dabei überhaupt erst bemerken, dass er endlich ist.“

Wir. Das meint ihn und sie, Dich und mich. Politik und Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Und natürlich den Journalismus, die Storyteller-Maschine schlechthin. Was bemerkt sie von der Geschichte unserer Zeit?

Die Ausgangsbedingungen scheinen nicht die schlechtesten zu sein: Aktualität, Konflikt, Relevanz, Kontinuität – Klimawandel & Co. erfüllen eine ganze Reihe der klassischen Nachrichtenfaktoren. Weswegen die Erderwärmung, die Energiewende, der Artenverlust, die Krise des Finanzsystems, die Bevölkerungs- und Ernährungsfrage oder auch Konsumkritik und der Wunsch nach Entschleunigung längst Themen des von Print-, Rundfunk- und Online-Medien getragenen Diskurses sind. Reicht das?

Der Journalismus verändert sich rasant. Man könnte sagen, er geht auf eine Reise – Ausgang: ungewiss. (Quelle: Harri Web, flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0)

Die Welt und der Journalismus verändern sich rasant. Man könnte sagen, sie gehen auf eine Reise – Ausgang: ungewiss. (Quelle: Harri Web, flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0)

Kritiker bemängeln, dass die Geschichte unserer Zeit journalistisch zu sporadisch, zu diffus, zu isoliert, zu unter- oder aber zu überkomplex bearbeitet werde. Das mag daran liegen, dass es ihr an Eindeutigkeit, an Konsonanz, an klaren Verhältnissen mangelt. Und dass ihre Einzelthemen oft nicht als solche erkannt werden, es gewissermaßen an einer gedanklichen Einbettung in den größeren Zusammenhang fehlt.

Dabei ist ein theoretischer Überbau vorhanden, der sie miteinander verbindet: Nachhaltige Entwicklung. Oder auch: Nachhaltigkeit. So wird die Leitlinie unseres „Erwachsenwerdens“ immer wieder etikettiert. Es ist ein ödes Wort und überdies – wen wundert es – in seiner inhaltlichen Bedeutung sowie seiner Wirkungsmacht umstritten. Nicht zuletzt unter Journalisten.

Was unter Nachhaltigkeit verstanden werden kann, und warum sich Medien und Medienmacher dem Thema annehmen sollten – und zwar nicht nur inhaltlich in ihrer Berichterstattung, sondern auch strukturell in ihren Geschäfts- und Vermittlungsmodellen -, das habe ich in einem Gastbeitrag für das ziemlich anregende Projekt Grüner Journalismus der Hochschule Darmstadt aufgeschrieben.

Denn der eingangs zitierte Revkin hat Recht: Das Realisieren der Endlichkeit unserer Welt, das ist die Geschichte unserer Zeit. Es wäre schön, wenn noch mehr, noch fundierter und zugleich noch pointierter erzählt werden könnte, was dies bedeutet – im Großen wie im Kleinen, im Guten wie im Schlechten.

Die schwierige Rückkehr der Waldkönige – Das Wisent-Auswilderungsprojekt im Rothaargebirge

Mächtige Hirschtrophäen zieren das Foyer von Schloss Berleburg. An den Wänden zeigen historische Stiche Szenen einer Hasen- und Sauenhatz, eine Ahnengalerie präsentiert gewichtige Persönlichkeiten. Der Bau im Renaissancestil ist Stamm- und Wohnsitz der Familie zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, einem Adelsgeschlecht, dessen Wurzeln bis in das 12. Jahrhundert zurück reichen. Einer der Hausherren, Prinz Gustav, sitzt Anfang Mai mit schwarzer Daunenweste und schweren Bergstiefeln vor Pressevertretern auf einem Podium im Schlossfoyer und sagt, es sei “ein spannendes Jahr” gewesen. Er redet nicht von der Jagd auf Hasen, Wildschweine oder Hirsche. Prinz Gustav redet von den Wisenten, die erstmals seit Jahrhunderten wieder durch einen westeuropäischen Wald ziehen.

Rückblende: Es ist der 11. April 2013, als sich für Abdia, Abtisa, Araneta, Dareli, Daviedi, die Queen vom Rothaarsteig sowie Egnar und Quandor die Tore zur Freiheit öffnen. Knapp drei Jahre haben die sechs Kühe und die zwei Bullen in einem Auswilderungsgehege nördlich der Kleinstadt Bad Berleburg gelebt. Nun soll die Herde in den umliegenden Wäldern des Rothaargebirges tun und lassen dürfen, was ihnen gefällt. Mehr oder weniger jedenfalls.

Die ausgewilderte Wisent-Herde im Rothaargebirge

Die Idee dazu hatte Prinz Richard, der Vater von Gustav und das Oberhaupt der zu Sayn-Wittgenstein-Berleburgs. Die Familie betreibt in der Region die größte private Forstwirtschaft Nordrhein-Westfalens, insgesamt 13.000 Hektar Wald, in dem vor allem Fichten und Buchen wachsen. Hier brüten seltene Vögel wie Schwarzstorch oder Raufußkauz, und im Jahr 2003 kam Prinz Richard dann auf den Gedanken, einen Teil seines Forsts auch den Wisenten zur Verfügung zu stellen. Immerhin seien die Riesen, so erklärte er es einmal in einem Interview, “wunderbare, faszinierende Tiere”, die obendrein in die örtliche Landschaft gehörten.

Tatsächlich lag Deutschland einst mittendrin im Wisent-Populationsgebiet. Bison bonasus, so der wissenschaftliche Name des massigen Wildrinds, war als „König der Wälder“ ursprünglich in drei Unterarten von Frankreich und Spanien bis zur Wolga sowie dem Kaukasus verbreitet. Forst- und Landwirtschaft sowie Jagd und Wilderei dezimierten den Bestand jedoch immer mehr, bis 1927 im Kaukasus der letzte freilebende Wisent geschossen wurde.

Das Aussterben der Art konnte trotzdem abgewendet werden, wenn auch nur um Haaresbreite: In Tiergärten existierten Anfang der Zwanziger noch 54 Exemplare, so dass engagierte Biologen und Zoodirektoren ein aufwändiges Zuchtprogramm auflegten. 1952 konnten die ersten Wisente wieder ausgewildert werden, im Urwald von Białowieża an der polnisch-weißrussischen Grenze, ähnliche Projekte in der Ukraine, Russland, der Slowakei und Litauen folgten.

Trittsiegel eines Wisents

Heute gibt es weltweit wieder mehr als 5000 der massigen Rinder. Knapp zwei Drittel davon entfallen auf die freien Populationen Osteuropas, und wie dort sollen die Wisente auch in mittel- und westeuropäischen Wäldern abermals heimisch werden – zumindest wenn es nach den zu Sayn-Wittgenstein-Berleburgs und ihren Mitstreitern geht. Johannes Röhl, der als Forstdirektor die Geschäfte im fürstlichen Wald führt, sagt beim Pressetermin auf Schloss Berleburg, Hauptziel aller Beteiligten sei es, “dabei behilflich zu sein, dem Wisent in einem Freilandprojekt beim Überleben zu helfen”. Denn trotz aller Nachzuchterfolge stehe die Art noch immer vor einer “genetischen Katastrophe”.

Was Röhl meint, ist der Umstand, dass die Anfang der Zwanziger Jahre verbliebenen Wisente von lediglich zwölf Gründertieren abstammten. Auch heute noch resultiert daraus eine hohe Inzuchtgefahr sowie die Anfälligkeit für Krankheiten. Jedes Individuum ist daher im Internationalen Wisent-Zuchtbuch registriert, um die Rekombination von geeigneten Elterntieren koordinieren zu können und so den globalen Bestand weiter wachsen zu lassen.

Diese Strategie ist freilich darauf angewiesen, bestehende Herden zu erweitern und neue zu entwickeln – wie jetzt im Rothaargebirge. Schon vor dem Auswilderungsprojekt galt Deutschland als wichtige “Wisentnation”, mit mehr als 500 Tieren in Zoos oder großen Freigehegen wie der Döberitzer Heide. Um sie nun auch in freier Wildbahn wieder ansiedeln zu können, sagt Forstdirektor Röhl, brauche es keine Urwälder wie in Osteuropa. “Uns geht es darum, Mut zu machen und zu zeigen, so ein Projekt geht auch im Wirtschaftswald.”

Die Herde der “Wisent-Wildnis” bei Bad Berleburg

Das sehen nicht alle so. Zwar sind Kreis- und Landespolitik mit im Boot, nicht zuletzt aus Gründen des Regionalmarketings, auch das Bundesamt für Naturschutz begleitet das Projekt. Waldbesitzer im benachbarten Hochsauerlandkreis jedoch klagen seit der Freilassung der Wisente über Schälschäden an ihren Bäumen – und sind jetzt vor Gericht gezogen, um zu verhindern, dass sich die Riesen weiterhin an der Rinde ihrer Buchen gütlich tun.

Noch ein wenig ausführlicher nachzulesen ist das alles in der aktuellen Ausgabe des naturgucker Magazins, für die ich die Auswilderung der Wisente im Rothaargebirge samt ihrer Schwierigkeiten etwas ausführlicher beschrieben habe (eine Vorschau auf das Heft gibt es hier). Es ist eine Geschichte über den grundsätzlichen Konflikt, Wildnis und Zivilisation unter den gegebenen Umständen in Einklang zu bringen. Mit offenem Ausgang.

Unsere große Farm – Urbane Landwirtschaft in Berlin

Das Schicksal der Welt entscheide sich in den Städten, so notierte es Fernand Braudel einmal sinngemäß. Was der französische Historiker noch auf den sozialen Alltag im 15. bis 18. Jahrhundert bezog, erscheint heute aktueller denn je: Den UN zufolge werden im Jahr 2050 zwei Drittel der wachsenden Weltbevölkerung in urbanen Räumen leben, andere Schätzungen taxieren den Anteil sogar auf 80 Prozent.

Die damit verbundenen Herausforderungen sind gewaltig. In der Diskussion, wie Städte sie sinnvoll bewältigen könnten, hat sich etwas herauskristallisiert, das vor wenigen Jahren noch als Domäne der Klein- und Schrebergärtner galt: Die urbane Landwirtschaft. Ihre real existierenden Erscheinungsformen – von der nahezu autarken Gemüseversorgung Havannas über die hektargroßen Gewächshäuser auf New Yorks Dächern bis zu den kooperativen Farmen São Paulos oder Pekings – verschmelzen dabei mit Zukunftsvisionen von Hochhäusern, die als vertikale Farmen neben vegetarischer Kost auch Hühner oder Fisch züchten, zu einem verheißungsvollen Bild: Lebensmittelproduktion in der Stadt könnte Transportwege minimieren, Ernährungssouveränität herstellen sowie ökonomische Werte und Arbeitsplätze schaffen, zudem Blaupause für Stoffkreisläufe sein, die städtische Biodiversität fördern, den Klima- und Wasserhaushalt verbessern und sozialen Gemeinsinn stiften. “Urban Farming”, die eierlegende Wollmilchsau der Nachhaltigkeit?

Hoch(haus)landrinder: Tierhaltung in Marzahn
(Quelle: Agrarbörse Deutschland Ost e.V.)

Berlin ist nicht der schlechteste Ort, um diese Frage zu ergründen – ist die Stadt doch einem für hiesige Verhältnisse rasantem Bevölkerungswachstum unterworfen und zugleich der deutsche Hot Spot, was das städtische Gärtnern moderner Prägung angeht.

Daher habe ich mich hier mal zum Thema umgetan, und herausgekommen ist die aktuelle Titelgeschichte des tip, die neben einer kleinen Bestandsanalyse auch diverse Akteure des Urban Farming Berliner Prägung beleuchtet (Update 8.9.14: einige der Geschichten sind jetzt auch online zu finden). Mit dabei: Die Schafherde der Agrarbörse, der kommende Aquaponik-Bauernhof von ECF Farmsystems, diverse Indoor- und Vertical-Farming-Konzepte und natürlich der Prinzessinnengarten, der nach fünf Jahren eine Art Zwischenbilanz zieht.  Alles sehr aufregend, wie ich ganz unbescheiden finde…

Ich wachs Dich fertig – Konkurrenzkampf unter Pflanzen

„Homo homini lupus est“ postulierte einst Thomas Hobbes – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Doch auch im so harmonisch anmutenden Planzenreich herrscht das Prinzip der Ellbogengesellschaft.

Da wäre etwa der Walnussbaum: 1,4,5-Trihydroxynaphthyl-4-glucosid heißt das Mittelchen, das in seinen Blättern und Fruchtschalen eingelagert ist. Fallen die irgendwann zu Boden, entsteht aus der  Chemikalie Juglon. Und der vergiftet mal kurzerhand Keimlinge, auf dass der Walnuss keine aufmüpfigen Nachbarn erwachsen.

Zweites Beispiel: Buche gegen Birke. Über Jahrzehnte hilft die robuste Birke der feinfühligeren Buche, sich auch unwirtliche Standorte zu erschließen. Ihr Laub wird auf karger Erde zu fruchtbarem Humus, ihre Wurzeln vermeiden Erosion, und ihr lockeres Blätterdach reguliert im Sommer die Sonneneinstrahlung, während das Geäst, an dem es hängt, im Winter die Bodenwärme zurückwirft. Und dennoch ist ein friedliches Nebeneinander beider Bäume auf Dauer die Ausnahme: Birken werden nur rund 120 Jahre alt. In dieser Zeitspanne sind die behüteten Buchenschösslinge groß genug geworden, um das Kommando zu übernehmen. Nun beschatten ihre dichten Baumkronen den Waldboden, was den Nachkommen der sehr lichtbedürftigen Birke kaum Chancen lässt. Undank ist eben der Welten Lohn!

Für weiteres Anschauungsmaterial empfehle ich einen Blick in die neue Ausgabe von WALD, für deren Infografik ich da noch ein büschen mehr aufgeschrieben habe. Es geht dabei neben der Robinie auch um die von den Galliern so geschätzte Mistel. Fieses Ding, das, kann ich Euch sajen. Naja, abgesehen von ihrer Heilwirkung und der Sache mit dem Knutschen natürlich…

Schillerndes für die Seele – Streuobstwiesen im Raum Lüneburg

Goldparmäne. Geflammter Kardinal. Edelborsdorfer. Solcherlei schillernde Namen sind untrennbar verbunden mit knorrigen Baumstämmen, die zum Beispiel entlang der Landstraßen in der Elbtalaue ihre Äste gen Himmel verdrehen. Die alten Obstalleen der Region in Niedersachsen sind Zeugnis einer Kulturlandschaft, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht: Damals begannen die Bauern – gebeutelt von den Folgen des Dreißigjährigen Kriegs – damit, Wegsäume, Ortsränder und Hofstellen mit Obstbäumen zu bepflanzen. Trotz knapper Ackerflächen sicherten sie so nicht nur die Versorgung mit frischen Früchten, sondern konnten auch den rauen Winden des Nordens trotzen. Einen Teil der Ernte verkauften sie später an Handelsschiffe, die die Ware nach Hamburg oder Berlin lieferten. Ein hübscher Nebenverdienst für viele.

Die Bedeutung der Alleen hier und anderswo in Deutschland ist jedoch nicht allein eine historische: Umweltverbände wie der NABU qualifizieren sie sowie Streuobstwiesen als „Hot Spots der Biodiversität in West- und Mitteleuropa“. Mit insgesamt rund 6.000 bekannten Sorten wie Goldparmäne & Co. beherbergen sie ein wichtiges Genreservoir für die Zukunft des Obstanbaus, zudem ziehen sie unzählige Tiere und Pflanzen an.

Ausschlaggebend hierfür ist der Mensch: Er ist es, der die Alleen und Wiesen anlegt, in lockeren und gemischten Beständen von bis zu 120 Bäumen pro Hektar. Er ist es, der sie veredelt und pflegt, mittels vegetativer Zucht und Astbeschnitt. Und er beschützt sie, indem er sie als Viehweide oder zur Heumahd nutzt und so verhindert, dass sich konkurrierende Sträucher und andere Gehölze breit machen.

Die daraus entstehenden „Savannen“, in denen lichter Wald mit Blumen- und Kräuterwiesen wechselt, sind Lebensraum für etwa 5000 Tier- und Pflanzenarten.

Alte Obstbaumallee bei Bitter
(Quelle: Olaf Anderßon/Lüneburger Streuobstwiesenverein)

Ihre Zukunft ist allerdings ungewiss. Längst haben profitablere Plantagen den Löwenanteil der Obstproduktion für den Massenmarkt übernommen, auch hierzulande – in Monokulturen von 3000 Stück pro Hektar, gepäppelt mit hohem Düngereinsatz sowie mit Pestiziden vor Krankheiten und Unterwuchs geschützt.

Immerhin: Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland noch Bestände von 300.000 bis 500.000 Hektar. Zum Beispiel eben in der Elbtalaue sowie im Lüneburger Raum. Hier arbeiten zahlreiche Menschen in Vereinen, beim Landkreis sowie in Unternehmen daran, die überlieferten Standorte alter Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Zwetschgensorte sowie das Wissen darüber lebendig zu halten.

Wie das genau funktionieren soll und inwiefern es sich für die Menschen im sprichwörtlichen Sinne bezahlt machen könnte, habe ich vor Ort ergründet und für die neue Sonderbeilage “Was zählt” der Lüneburger Landeszeitung aufgeschrieben. Das gute Stück gibt es auch online, zusammen mit einer Reihe von weiteren Texten, etwa darüber, warum einige Lüneburger ihre Zeit verschenken oder das Reparieren von Elektrogeräten lernen und wie sich Stadt und Wirtschaft auf das Thema Peak Oil vorbereiten. Wohl bekomm’s…