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Keimzellen für wildes Leben – Naturschätze im Centro de Portugal

Flapp, flapp, flapp. Auf und ab schlagen die Schwingen und tragen den Purpurreiher über das Wasser. Sein sonst so langer Hals ist zu einem S aufgebogen, die Beine mit den großen Klauen sind weit nach hinten gereckt. Er ist etwas kleiner als der verwandte Graureiher, dafür schimmern Flügel und Rumpf zwischen dunkelgrau und bräunlich-violett in der Sonne. Ein prächtiger Anblick.

Die Szene trägt sich zu über der Ria de Aveiro, einem Feuchtgebiet an der Westküste Portugals. Mit rund 150 Brutpaaren zählt sie zu den nationalen Hot-Spots des Garça-vermelha, wie der Purpurreiher in der Landessprache heißt. Die Ria liegt eine Autostunde südlich von Porto, dort, wo der Fluss Vougo und der Atlantik aufeinanderstoßen. Ozean und Flusswasser, aber auch die ansässigen Menschen haben hier über Jahrhunderte ein Patchwork aus Lagune, Delta und Agrarland ausmodelliert.

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Feuchtwiesen, Äcker und der Einfluss der Gezeiten: Die Ria de Aveiro, im Hintergrund die Ausläufer der Serra da Estrela

„Dank all dieser Nischen ist die Ria für viele Tier- und Pflanzenarten unheimlich wichtig“, sagt Eduardo Mendes, der für das örtliche Umweltbildungs- und Naturtourismusprojekt BioRia arbeitet. Die Purpurreiher, aber auch Rohrweihe, Teich- oder Drosselrohrsänger fänden in den großen Schilfflächen ungestörte Nistplätze. Direkt nebenan wiederum sei auf den Wiesen, den kleinen Äckern und den Verlandungszonen der Tisch reich gedeckt. „Für sie ist das quasi ein Bed and Breakfast“.

Auch der seltene Gleitaar lässt sich an diesem Vormittag blicken, an den größeren offenen Wasserflächen sind Fischadler und Seidenreiher unterwegs – und zwei Dutzend Rosaflamingos. Aufgeschreckt schweben sie über den Wellenkämmen davon und landen in sicherer Entfernung, um mit ihren Schnäbeln erneut Kleinkrebse und Weichtiere aus dem Flachwasser zu filtern.

Unzählige Watvögel von Kampfläufern bis zu den Knutts schätzen die Ria ebenfalls als Überwinterungs- und Durchzugsgebiet. Nicht von ungefähr sind gut 50.000 Hektar ihrer Fläche als Special Protected Area (SPA) nach der EU-Vogelschutzrichtlinie ausgewiesen. Zudem leben hier unzählige Pflanzengesellschaften sowie viele Amphibien, Reptilien und mehr als 30 Säugetierarten.

Eine davon ist der Fischotter. „Hier war er“, sagt Eduardo und zeigt am Ufer eines Kanals auf ein vertrocknetes Kothäufchen. Es ist gespickt mit Panzerresten des Roten Amerikanischen Sumpfkrebs, einer aus Nordamerika eingeschleppten Art, die Bauern wie Naturschützern Sorgenfalten auf die Stirn treibt: Die Krebse bevölkern insbesondere die Reisfelder, wo ihr Bausystem den Pflanzen das Wasser abgräbt. Zudem räubern sie in den Fisch- und Amphibienbeständen. Glücklicherweise schmecken sie nicht nur dem Otter, sondern auch den Purpurreihern und den ebenfalls zahlreichen Weißstörchen. „Insofern profitiert die Ria wenigstens ein bisschen von ihnen“, meint Eduardo zweckoptimistisch.

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Auf der Hut: Rosa-Flamingos in der Ria de Aveiro

Auch an anderer Stelle droht dem Feuchtgebiet Ungemach. Ein Problem sei, erzählt Eduardo, dass sich der bislang eher kleinteilige Maisanbau immer mehr ausdehne. Zudem sollen demnächst viele Flächen eingedeicht werden, um sie besser bewirtschaften zu können. „Dadurch würden wertvolle Habitate verloren gehen.“ Doch der junge Biologe gibt die Hoffnung nicht auf: Viele Ortsansässige und Schulklassen kämen in die Ria, um das Infozentrum zu besuchen oder eine Wanderung zu unternehmen. „Ich bin überzeugt, dass diese Erfahrungen das Band zur Ria stärken – wovon letztlich auch ihr Schutz profitiert.“

Rund drei Autostunden nordöstlich der Ria, direkt an der Grenze zu Spanien, befindet sich eine weitere Perle unter Portugals Landschaften: Das Flusstal des Douro. An seinen steilen Hängen werden seit 2000 Jahren köstliche Reben kultiviert, darunter der berühmte Portwein. Zudem gehört das Tal zum Douro Internacional, einem Naturpark, der dem Verlauf des Douro über rund 120 Kilometer folgt und auch das bergige Hinterland umfasst.

Am Himmel darüber zeigen sich gewaltige Silhouetten: Geier! Sie tauchen erstmals rund um den Ribeira de Mosteiro, einen kleinen Zufluss des Douro, auf. Fünf Gänsegeier ziehen hier über schroffen Klippen ausladende Kreise in die Luft. „Sie nutzen die Aufwinde, um Höhe zu gewinnen“, erläutert Fernando Romão. „Anschließend können sie im Gleitflug große Entfernungen zurücklegen und so viel Energie sparen.“

Fernando ist Biologe und als Guide oft im Douro Internacional unterwegs. Zu dessen Tier- und Planzenwelt gehören nicht nur die Geier: Am Lauf des Ribereiro de Mosteiro etwa jagen Vipernattern Iberische Wasserfrösche. Weiter oben im Bergland brummen Wildbienen durch blühende Lavendelwiesen, und aus niedrigem Gestrüpp dringt der Ruf einer Wachtel.

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Bienenumbrummter Lavendel

Am auffälligsten bleiben dennoch die großen Greife. Im Douro Internacional leben schätzungsweise 500 bis 1000 Brutpaare des Gänsegeiers, rund 140 Brutpaare des Schmutzgeiers sowie einige Adlerarten. Besonders hoch ist ihre Dichte am Aussichtspunkt Penedo Durão: Steil fällt dort eine kolossale Gesteinswand hinab, der Blick über den Douro nach Spanien ist atemberaubend. Mehrere Gänse- und Schmutzgeier gleiten im sanften Licht der Abendsonne dahin.

Sie nisten hier nicht zuletzt wegen einer Zufütterungsstation. In grauer Vorzeit, erzählt Fernando, hätten sich die majestätischen Vögel von toten Wildpferden, Auerochsen oder Steinböcken ernährt, mit Ankunft des Menschen dann zunehmend von Viehkadavern. Doch damit sei es schwierig geworden, wegen der EU-Vorschriften in Sachen Tierseuchenhygiene, vor allem aber, weil sich die Region seit den 1940er Jahren entvölkere. „Mit den Menschen geht auch das Vieh, ohne dass es gleichwertigen Ersatz gibt. Deshalb ist Zufütterung für den Erhalt der Geier existenziell.“

Mönchsgeier über dem Penedo Durão

Mönchsgeier über dem Penedo Durão

Tags darauf gibt es eine erneute Begegnung mit den geflügelten Aasfressern. Schauplatz ist diesmal das Reservat Faia Brava, das sich südlich des Douro über 1000 Hektar auf einem Hochplateau erstreckt. Seine Felsmassive und die nahe Schlucht des Coa-Flusses bieten Brutplätze für Gänse- und Schmutzgeier, auch Stein- und Habichtsadler sowie Schwarzstorch sind mit einigen Paaren vertreten.

Überhaupt ist Faia Brava ein hochinteressantes Fleckchen Erde. Schon vor Jahrtausenden streiften Menschen durch das Einzugsgebiet des Reservats, wovon prähistorische Felsgravuren im nahen Coa-Tal Zeugnis ablegen. Später rodeten sie die alten Eichenwälder, um Holz zu gewinnen sowie Getreide anzubauen und Vieh zu weiden.

Mitte des 20. Jahrhunderts setzte jedoch auch hier die Landflucht ein – wodurch Freiräume entstanden sind, in denen nun wieder Flora und Fauna das Zepter übernehmen sollen. An diesem Morgen schimmert die Macchie in Faia Brava blass-golden, darüber erheben sich immer wieder Grüppchen aus Stein- und Korkeichen, die von den Sägen verschont blieben. Unzählige kleinere Vogelarten flattern durch die savannenartige Landschaft oder lassen ihren Gesang erklingen, vom Weiden- und Steinsperling über Wiedehopf, Wendehals und Orpheus-Grasmücke bis hin zu Rotkopf- und Mittelmeer-Raubwürger.

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Halboffene Landschaft in Faia Brava

Marmormolche und Wasserfrösche wiederum haben die glitzernden Teiche des Reservats für sich entdeckt, darüber schwirren Plattbauchlibellen herum. Heimlicher leben die Großsäuger, die ebenfalls nach Faia Brava zurückgekehrt sind, etwa das Rehwild oder der Iberischen Wolfs, der zuweilen durch das Gelände streifen.

Pedro Prata arbeitet daran, dass sich all diese Arten noch mehr Raum erschließen können. „Eine wildere Zukunft für das Größere Coa-Tal“, so lautet die Überschrift des Projekts, das der Biologe koordiniert. Auf 120.000 Hektar soll bis 2024 ein Netzwerk aus Reservaten entstehen, die bis zu den Malcata-Bergen im Süden durch Wanderkorridore miteinander verknüpft sind.

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Das Coa-Tal soll bald Herzstück eines Netzwerks für die Wildnis sein.

Träger des Projekts ist „Rewilding Europe“, eine europaweite Initiative, die auch in den Karpaten, in Lappland oder am deutsch-polnischen Oder-Delta aktiv ist. Die Prämisse der Organisation: Mithilfe artenreicher – und durchaus spektakulärer – Flora und Fauna das Profil ganzer Regionen zu schärfen und damit Naturtourismus sowie andere Kleingewerbe anzukurbeln. Davon sollen Menschen und Landschaften gleichermaßen profitieren: Die einen, weil sie selbst in strukturschwachen Gegenden noch eine Perspektive sehen. Die anderen, weil in ihnen trotz kultureller Einflüsse wieder ausreichend Platz für Wildnis ist.

Auch in Faia Brava wurde dieses Konzept erprobt. „Rewilding Europe“ kooperiert seit längerem mit dem Reservat, das ATN gehört, jener portugiesischen Naturschutzorganisation, deren Chef Pedro einst war. Er kennt Faia Brava daher aus dem Effeff – und will die Erfahrungen nun in größerem Maßstab anwenden.

Eine wesentliche Rolle dabei spielen große Pflanzenfresser. In Faia Brava streifen rund 50 Maronesa-Rinder sowie 20 Garranos-Pferde durch das Reservat. Ohne die Beweidung durch diese beiden alten Nutztierrassen, so Pedro, würde das Areal überwuchert – die Mosaikstruktur und ihre Artenvielfalt gingen verloren. Außerdem steige dann die Gefahr großer Brände, ein Problem, mit dem Portugal immer wieder zu kämpfen hat.

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Garranos-Pferde in Faia Brava

Damit Pferde und Rinder außerhalb Faia Bravas keinen Schaden anrichten, ist das Reservat eingezäunt. Kann sich auf diese Weise tatsächlich so etwas wie Wildnis entwickeln? Faia Brava sei eben ein Testlauf gewesen, sagt Pedro. Im neuen, größeren Projekt soll noch mehr Rehwild als bislang dabei helfen, die Sukzession in Schach zu halten. Außerdem setzen Pedro und seine Mitstreiter darauf, dass sich in den miteinander vernetzten Projektgebieten Wildkaninchen ausbreiten – nicht zuletzt als Beute für den Wolf und den stark gefährdeten Pardelluchs.

Aus dem Zusammenspiel großer und kleiner Pflanzenfresser mit Räubern und Aasfressern wie den Geiern, so Pedros große Hoffnung, solle wieder ein ‘Circle of Life’ in Gang kommen. „Unser Ziel ist es, natürliche Prozesse anzustoßen, die menschliche Eingriffe auf lange Sicht überflüssig machen.“

Mit aktivem Jagdmanagement sowie Events und Festivals wollen sich Pedro und seine Mitstreiter um Aufklärung und Akzeptanz bemühen – und eben gemäß des „Rewilding Europe“-Konzepts auch wirtschaftliche Anreize setzen. In Faia Brava bieten bereits Guides Touren und Foto-Safaris an, inmitten des Reservats gibt es ein kleines Camp für Übernachtungen, und in der Umgebung vermarkten Bauern und Handwerker ihre Produkte unter dem Label „Faia Brava“.
Zudem könne inzwischen rund ein Drittel der Reservatsfläche komplett sich selbst überlassen werden, erzählt Pedro. Und unlängst wurde in der Nähe tatsächlich endlich wieder ein Pardelluchs gesichtet, höchstwahrscheinlich ein herumstreifendes Exemplar aus dem Süden, wo die Wiederansiedlung der Art läuft.

Für Pedro sind all das Hoffnungszeichen. So wie die zwei kleinen Pünktchen, die hinter dem Ausgangstor von Faia Brava über den Äckern und Dörfern auftauchen. Ein Blick durchs Fernglas – es sind ein Schlangen- und ein Zwergadler! Auch sie bauen ihre Nester wieder in Faia Brava, ohne sich naturgemäß an dessen Grenzen zu halten. Ganz in Pedros Sinne: „Wir wollen, dass wilde Arten in unserer Region wieder freier leben können. Unsere Reservate sollen dafür Keimzellen sein.“

Dieser Text erschien zuerst im NATURGUCKER Magazin #41.

Waldmeister Berlin – Die multitalentierten Bäume der Hauptstadt

“Hot town, summer in the city
Back of my neck getting dirty and gritty
Been down, isn’t it a pity
Doesn’t seem to be a shadow in the city
All around, people looking half dead
Walking on the sidewalk, hotter than a match head…”

So besangen 1966 The Lovin’ Spoonful den von der Sommersonne befeuerten Glutofen Stadt. Das New Yorker Quartett fand seine Zuflucht damals in der Nacht, wenn sich der erhitzte Asphalt langsam abkühlt und einzig auf den Tanzflächen der Clubs noch das Feuer lodert.

In Berlin ergeben sich auch schon tagsüber Erfrischungsmöglichkeiten. Denn Berlin ist nicht nur ein Großstadtdschungel. Berlin hat auch einen: Ein Fünftel der Stadt ist mit Wald bedeckt. Zusammen mit seinen Beständen im Umland verfügt Berlin über insgesamt knapp 30.000 Hektar. Das ist eine Größenordnung, die in Europa ihresgleichen sucht.

Der berühmte Berliner Grunewald, "Waldgebiet des Jahres 2015" (Quelle: BDF)

Der berühmte Berliner Grunewald, “Waldgebiet des Jahres 2015
(Quelle: BDF)

Und dieser Wald, er wirkt wie ein riesiger Kühlakku. Mittels Verdunstung, Strahlungsaufnahme und Beschattung. Was längst nicht alles ist: Dank ihrer Reinigungs- und Speicherfähigkeiten kommen rund 80 Prozent des städtischen Trinkwassers aus Berlins Wäldern. Wie Dunstabzugshauben säubern überdies ihre Blätter und Nadeln den Großstadtmief – weswegen Waldluft zum Beispiel bis zu 15 Mal weniger Bakterien enthält als ihr City-Pendant.

In Zeiten von Urbanisierung und Klimawandel geraten derartige, in der Fachwelt oft als “Ökosystemdienstleistungen” bezeichnete Talente sogar zu einer Gretchenfrage. Längst gelten nicht nur Arbeitsplätze, Kulturangebot oder Wohnraum als Standortvorteile von Städten, sondern auch Grünflächen und Wälder. Nicht zuletzt, weil sie neben ihres eher unsichtbaren Könnens eben auch eine Menge offensichtlicher Lebensqualität bieten: Allein in Berlin verzeichnet der Wald 250 Millionen Besuche pro Jahr, von Spaziergängern, Radfahrern und Naturfreunden.

Das ist eine Menge. Dennoch finden sich abseits der Hot Spots noch immer stille und geheimnisvolle Flecken. Man muss sich nur auf die Suche machen. Erste Hinweise hierzu finden sich im kürzlich erschienen Sonderheft des tip “Sommer in Berlin”, für das ich an einem Feature zum Thema Berliner Wald mitarbeiten durfte. Gibt’s an Kiosken, in Bahnhöfen oder online zu bestellen. Ansonsten finden sich eine Menge Tourenvorschläge auch hier bei den Berliner Forsten.

Insofern: Statt gerösteter Gehirne und durchgebrannter Sicherungen lieber ab in den Wald! Dahin, wo der “shadow” ist…

Ich wachs Dich fertig – Konkurrenzkampf unter Pflanzen

„Homo homini lupus est“ postulierte einst Thomas Hobbes – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Doch auch im so harmonisch anmutenden Planzenreich herrscht das Prinzip der Ellbogengesellschaft.

Da wäre etwa der Walnussbaum: 1,4,5-Trihydroxynaphthyl-4-glucosid heißt das Mittelchen, das in seinen Blättern und Fruchtschalen eingelagert ist. Fallen die irgendwann zu Boden, entsteht aus der  Chemikalie Juglon. Und der vergiftet mal kurzerhand Keimlinge, auf dass der Walnuss keine aufmüpfigen Nachbarn erwachsen.

Zweites Beispiel: Buche gegen Birke. Über Jahrzehnte hilft die robuste Birke der feinfühligeren Buche, sich auch unwirtliche Standorte zu erschließen. Ihr Laub wird auf karger Erde zu fruchtbarem Humus, ihre Wurzeln vermeiden Erosion, und ihr lockeres Blätterdach reguliert im Sommer die Sonneneinstrahlung, während das Geäst, an dem es hängt, im Winter die Bodenwärme zurückwirft. Und dennoch ist ein friedliches Nebeneinander beider Bäume auf Dauer die Ausnahme: Birken werden nur rund 120 Jahre alt. In dieser Zeitspanne sind die behüteten Buchenschösslinge groß genug geworden, um das Kommando zu übernehmen. Nun beschatten ihre dichten Baumkronen den Waldboden, was den Nachkommen der sehr lichtbedürftigen Birke kaum Chancen lässt. Undank ist eben der Welten Lohn!

Für weiteres Anschauungsmaterial empfehle ich einen Blick in die neue Ausgabe von WALD, für deren Infografik ich da noch ein büschen mehr aufgeschrieben habe. Es geht dabei neben der Robinie auch um die von den Galliern so geschätzte Mistel. Fieses Ding, das, kann ich Euch sajen. Naja, abgesehen von ihrer Heilwirkung und der Sache mit dem Knutschen natürlich…

Schillerndes für die Seele – Streuobstwiesen im Raum Lüneburg

Goldparmäne. Geflammter Kardinal. Edelborsdorfer. Solcherlei schillernde Namen sind untrennbar verbunden mit knorrigen Baumstämmen, die zum Beispiel entlang der Landstraßen in der Elbtalaue ihre Äste gen Himmel verdrehen. Die alten Obstalleen der Region in Niedersachsen sind Zeugnis einer Kulturlandschaft, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht: Damals begannen die Bauern – gebeutelt von den Folgen des Dreißigjährigen Kriegs – damit, Wegsäume, Ortsränder und Hofstellen mit Obstbäumen zu bepflanzen. Trotz knapper Ackerflächen sicherten sie so nicht nur die Versorgung mit frischen Früchten, sondern konnten auch den rauen Winden des Nordens trotzen. Einen Teil der Ernte verkauften sie später an Handelsschiffe, die die Ware nach Hamburg oder Berlin lieferten. Ein hübscher Nebenverdienst für viele.

Die Bedeutung der Alleen hier und anderswo in Deutschland ist jedoch nicht allein eine historische: Umweltverbände wie der NABU qualifizieren sie sowie Streuobstwiesen als „Hot Spots der Biodiversität in West- und Mitteleuropa“. Mit insgesamt rund 6.000 bekannten Sorten wie Goldparmäne & Co. beherbergen sie ein wichtiges Genreservoir für die Zukunft des Obstanbaus, zudem ziehen sie unzählige Tiere und Pflanzen an.

Ausschlaggebend hierfür ist der Mensch: Er ist es, der die Alleen und Wiesen anlegt, in lockeren und gemischten Beständen von bis zu 120 Bäumen pro Hektar. Er ist es, der sie veredelt und pflegt, mittels vegetativer Zucht und Astbeschnitt. Und er beschützt sie, indem er sie als Viehweide oder zur Heumahd nutzt und so verhindert, dass sich konkurrierende Sträucher und andere Gehölze breit machen.

Die daraus entstehenden „Savannen“, in denen lichter Wald mit Blumen- und Kräuterwiesen wechselt, sind Lebensraum für etwa 5000 Tier- und Pflanzenarten.

Alte Obstbaumallee bei Bitter
(Quelle: Olaf Anderßon/Lüneburger Streuobstwiesenverein)

Ihre Zukunft ist allerdings ungewiss. Längst haben profitablere Plantagen den Löwenanteil der Obstproduktion für den Massenmarkt übernommen, auch hierzulande – in Monokulturen von 3000 Stück pro Hektar, gepäppelt mit hohem Düngereinsatz sowie mit Pestiziden vor Krankheiten und Unterwuchs geschützt.

Immerhin: Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland noch Bestände von 300.000 bis 500.000 Hektar. Zum Beispiel eben in der Elbtalaue sowie im Lüneburger Raum. Hier arbeiten zahlreiche Menschen in Vereinen, beim Landkreis sowie in Unternehmen daran, die überlieferten Standorte alter Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Zwetschgensorte sowie das Wissen darüber lebendig zu halten.

Wie das genau funktionieren soll und inwiefern es sich für die Menschen im sprichwörtlichen Sinne bezahlt machen könnte, habe ich vor Ort ergründet und für die neue Sonderbeilage “Was zählt” der Lüneburger Landeszeitung aufgeschrieben. Das gute Stück gibt es auch online, zusammen mit einer Reihe von weiteren Texten, etwa darüber, warum einige Lüneburger ihre Zeit verschenken oder das Reparieren von Elektrogeräten lernen und wie sich Stadt und Wirtschaft auf das Thema Peak Oil vorbereiten. Wohl bekomm’s…

Das Ziehharmonika-Prinzip – Überschwemmungsökologie an der Elbe

Gebrochene Deiche und überflutete Ortschaften, zerstörte Straßen und verwüstete Bahntrassen – wenn Flüsse über ihre Ufer treten, bedeutet das für die Betroffenen oft nichts Gutes. So wie im vergangenen Juni: Hunderttausende Menschen kämpften hierzulande an Donau, Elbe oder Mulde mit einem “Jahrhunderthochwasser”, Schätzungen zufolge gingen die Schäden in den zweistelligen Milliardenbereich. Eine Katastrophe von historischen Ausmaßen.

Inwiefern gilt dies auch für die Tier- und Pflanzenwelt? Werden Flora und Fauna bei extremen Überschwemmungen einfach fortgespült oder können sie mit solchen Ereignissen umgehen? Und wie verändern die Wassermassen die umliegenden Ökosysteme insgesamt?

Am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) beschäftigen sich Ökologen seit längerem mit diesen Fragen. Beispielsweise führten die Forscher infolge des Elbehochwassers 2002 Studien zu Vegetation, Schnecken und Laufkäfern durch. Die Hypothese war naheliegend: Eine starke Überflutung in einer sonst weitgehend trockenen Jahreszeit dürfte Pflanzen und Weichtiere aufgrund ihrer eingeschränkten Beweglichkeit stärker beeinträchtigen als die mobileren Käfer.

Hochwasser an der Elbe bei Rosslau, Juni 2013
(Quelle: Künzelmann / UFZ)

Umso überraschender gestalteten sich die Ergebnisse. So blieb etwa die Vegetation in Artenzahl und -zusammensetzung weitgehend stabil. Alles eine Frage der Überlebensstrategie: Einige Pflanzenarten haben sich an das Leben mit außerplanmäßigen Fluten angepasst, indem sie Unterwasserblätter ausbilden. Andere wiederum haben zuvor schon so viel Samen im Boden eingelagert, dass sie trocken gefallene Standorte als Pionierarten neu besiedeln können.

Im Fall der Schnecken fanden die Forscher in den Elbauen unmittelbar nach der Flut sogar 13 neue Arten – ein Anstieg zu den Vorjahren um mehr als ein Drittel. Verantwortlich hierfür war insbesondere der Eintrag von Wasserschnecken. Doch auch die an Land lebenden Spezies kamen gut mit den Überschwemmungen zurecht, etwa die seltene Ufer-Laubschnecke. Denn ahnlich wie Ameisen flüchten Schnecken bei Hochwasser an der Vegetation senkrecht in die Höhe, oder sie werden mit Treibgut in andere Lebensräume verdriftet.

Die Laufkäfer erwischte es dagegen auf dem falschen Fuß. Zwar können die meisten auenspezifischen Käfer schwimmen. Im August 2002 befanden sich jedoch eine Reihe von ihnen im Larven- oder Verpuppungsstadium. Ausgerechnet von den wasserliebenden Arten gingen so über 40 Prozent verloren, insgesamt verschwand rund jede vierte Spezies.

Allerdings sind Laufkäfer in der Lage, frühzeitig Pionierstandorte zu besiedeln und sich dann explosionsartig zu vermehren. Auf Dauer ist deshalb selbst nach starken Überschwemmungen eine Art “Ziehharmonikaprinzip” zu verzeichnen. Soll heißen: Über kurz oder lang kehren die betroffenen Ökosysteme wieder weitgehend in ihren Ausgangszustand zurück.

Bei Dessau weitgehend verschwunden: Der Ameisenbläuling
(Quelle: Künzelmann/UFZ)

Problematisch wird es jedoch, wenn eine Art nur noch über Restbestände verfügt, etwa in Folge von Eindeichungen oder intensiver Landnutzung. Seit dem Hochwasser 2002 sind beispielsweise die Falter des Ameisenbläulings aus den Wiesen bei Dessau nahezu verschwunden, weil seine Ausgangspopulation zuvor schon so klein war.

Unklar ist zudem bislang, welche Auswirkungen mehrere untypische Überschwemmungen hintereinander haben, weswegen am UFZ derzeit weitere Studien zum Thema laaufen.

Für die aktuelle Ausgabe des naturgucker Magazins habe ich all das ein wenig ausführlicher aufgeschrieben. Unter anderem steht dort, wie die heimische Vogelwelt auf starke Überflutungen reagiert. Soviel sei hier schon verraten: Einige profitieren, andere nicht. Welche das sind, kann man dieser Tage ja selbst am Kiosk nachlesen, hehe…

Nachtkerzen und die Evolution

Die evolutionäre Anpassung der Arten an ihre Umwelt galt lange Zeit als extrem zähe Angelegenheit. Es mehren sich jedoch die Hinweise, dass es bei einigen Spezies recht rasant zugeht.  Da ist zunächst an die Vielfalt der Buntbarsche in Afrika zu denken oder an die europäische Hain-Bänderschnecke.  Noch flinker als die beiden ist die in Nordamerika beheimatete Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis). So hat eine internationale Forschergruppe um Anurag Agrawal von der Cornwell University kürzlich im Rahmen eines Experiments beobachtet, dass die Pflanze mit den knallgelben Blüten nur drei bis vier Generationen braucht, um sich auf veränderte Außenbedingungen einzustellen. Grundlage hierfür waren Experimente mit verschiedenen Nachtkerzen-Populationen, von denen einige mit Insektiziden, andere wiederum gar nicht behandelt wurden.

Ein spannender Versuch, der dreierlei zeigt: a) Evolution ist zuweilen schnell unterwegs, b) Insekten sind wesentlicher Treiber der Artenvielfalt von Pflanzen und c) Insektizide führen zu einer Rückbildung natürlicher Abwehrmechanismen.

Wer das alles genauer nachlesen möchte, dem sei das Skop in der aktuellen Geo empfohlen, wo ich das Experiment ein wenig ausführlicher begeschrieben habe. Abschließend übergebe ich das Wort an Herrn Agrawal, der die Forschungsergebnisse noch einmal aus seiner Sicht zusammenfasst: