„Wir sind eine Art Sozialstation“ – Das Core Tex wird 25

„25 years of dedication“ – die Kreuzberger Institution Core Tex Records, Home of Hardcore and Punk, feiert Jubiläum. Eine reife Leistung, wenn man bedenkt, dass die vergangenen Jahre mit ihren mannigfaltigen Umwälzungen im Musikgeschäft für klassische Plattenläden recht turbulent, oft sogar tödlich waren.

Insofern ist David Strempel, einer der drei Betreiber des Core Tex, nicht zu unrecht stolz darauf, es so lange geschafft zu haben, wie ich im Rahmen eines Interviews mit ihm für die aktuelle Ausgabe des tip erfuhr. Die Gründe für das verblüffende Stehvermögen: Nischenprodukte und eigene T-Shirtlinien, die Renaissance von Vinyl sowie nicht zuletzt der „ganz spezielle Kiez“ von Kreuzberg 36. „Wir sind nach wie vor so eine Art Sozialstation“, sagt Strempel, „ein Platz zum Abhängen, wo die Leute aus der Gegend ihr Feierabendbier trinken und sich ihre Lieblingsplatte wünschen können.“

Insofern ist es nur folgerichtig, dass das Core Tex an kommenden Freitag und Samstag seinen 25. Geburtstag in und mit jenem Kiez feiert. Im nur einen Steinwurf entfernten SO 36 gibt es, natürlich, tüchtig Hardcore und Punk auf die Ohren, mit Buddies wie den Troopers, Final Prayer oder den extra und nur für dieses Event reformierten Disrespect. Zudem spielen internationale Legenden wie die ebenfalls wieder vereinigten Judge aus New York auf. Glücklich, wer da noch ein Ticket ergattern konnte.

Alle, die leer ausgingen, haken sich gefälligst unter und singen Sham69s „If the kids are united“. Let’s go!

Melken fürs Wohnen – WWOOFing in Brandenburg

Der moderne Großstädter ist den Fundamenten seiner Existenz ja weitgehend entfremdet. Zwar habe ich auf dem Balkon einige Gemüsepflanzen zu stehen, der größte Teil meines täglichen Kalorienbedarfs wird jedoch auf monetärer Basis durch den Gang zum Einzelhändler gedeckt.

Die gemeinnützige Organistation „World Wide Opportunities on Organic Farms“, kurz WWOOF, arbeitet schon seit einigen Jährchen daran, diese Distanz aufzubrechen, indem sie weltweit Kontakte zwischen ökologischen Bauernhöfen und freiwilligen Helfern vermittelt. Der Deal hierbei: Man tauscht ein paar Stunden der eigenen Arbeitskraft gegen freie Kost und Logis. On top gibt es einen Eindruck davon, was es heißt, auf dem Land zu arbeiten und zu leben und wie Nahrungsmittelproduktion und -verarbeitung fernab industrieller Zusammenhänge funktionieren können.

Da ich das alles fair und überdies spannend fand, besuchte ich vor einer Weile Barbara und Frank auf ihrem kleinen Selbstversorgerhof in Bloischdorf, einem verschlafenen 200-Seelen-Nest in der Niederlausitz. Dort fand ich mich im Nu in einer fast vergessenen sinnlichen Welt wieder und erhielt Nachhilfe im Melken, Stallausmisten und Anlegen von Gemüsebeeten, gegen die sich die Pendants auf meinem Balkon gar kümmerlich ausnehmen.

Warum das alles zwar anstrengend, aber auch sehr beglückend und inspirierend war, lässt sich anhand meiner Reportage im Reiseteil des heutigen Tagesspiegel recherchieren (Update: Text ist jetzt auch online). So viel kann ich schon jetzt mitteilen: Am Ende, da fühlte ich mich nicht mehr wie ein Grünschnabel, sondern schon wie ein richtiger Teilzeitbauer. Wem das als Appetizer nicht reicht, hier noch ein Video-Snippet über WWOOFing in aller Welt:

 

Zu den Moschusochsen des Dovrefjell

Kürzlich war ich im Herzen Norwegens. Es stehe ein langer Marsch bevor, so begrüßte mich dort Joakim, ein Blondschopf Mitte 20, der als Guide im Dovrefjell arbeitet – jenem Hochplateau, das seine Landsleute schon seit mehr als tausend Jahre in Mythen und Legenden beschäftigt. Allerdings waren ich und die sechs anderen Ausflügler nicht deswegen gekommen, hierher auf den Hof der Kongsvold Fjeldstue. Stattdessen brannten wir, wenngleich wir uns ob Joakims Ankündigung ein Raunen nicht verkneifen konnten, darauf, einen Blick zu erhaschen auf die gegenwärtigen Symbole des Dovrefjells – die mächtigen Moschusochsen.

Am Ende wurde es tatsächlich ein langer Marsch, immerhin bei schönstem Sonnenschein. Und auch abgesehen vom Wetter lohnte es sich, das Kilometerfressen. Nachzulesen ist das auf merian.de, für die ich unsere Suche nach den Moschusochsen hier aufgeschrieben habe.

Für diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer nicht dazu kommen, sich diese natürlich absolut empfehlenswerte Geschichte zu Gemüte zu führen, sei an dieser Stelle auf einen landläufigen Irrtum hingewiesen: Moschusochsen, das sind gar keine Rinder, sondern eigentlich Ziegen. Ich zumindest wusste das vorher nicht. Und da sage noch einer, Wandern bilde nicht. Mäh…

Wildnis und Theatralik im Elbsandsteingebirge – Der Malerweg

„Ach, Sie gehen den Malerweg?“ Ein Blick auf den Titel meines kleinen Reiseführers hat den zwei Wanderinnen verraten, was der Zweck meiner Unternehmung hier am Liebethaler Grund ist. „Also, der ist wirklich sehr schön“, schwärmen die beiden in sächsischem Lokalkolorit. „Und zwar alle Etappen.“

Nun, da seit diesem Moment ein paar Wochen vergangen sind, tja, wat soll ick da sagen? Die beiden hatten Recht!!! In der Tat verschmelzen auf dem Malerweg Wildnis und Theatralik, Szenerie und Kunst zu einem ziemlich gelungenen Gesamterlebnis. Die Route, im Jahr 2006 eröffnet, folgt nicht nur den Pfaden alter Meister, sondern fügt über eine Schlaufe von insgesamt 112 Kilometern auch die idyllischsten Stationen der Sächsischen Schweiz zusammen.

Wobei sie anfangs als gar nicht so idyllisch empfunden wurde: Bis ins 18. Jahrhundert hinein galt die Region an der Grenze zu Böhmen ihrer finsteren Schluchten und bizarren Felsnadeln wegen als gespenstisch und unheimlich, ja bedrohlich. Schließlich aber kamen sie, die Adrian Zinggs, die Anton Graffs und natürlich Caspar David Friedrichs, um den Zauber des Elbsandsteingebirges qua Pinsel und Leinwand in die Welt hinauszuposaunen.

Dass es dort auch heute noch sehr schön, wenn auch mitunter recht belebt zugeht, durfte ich für bergleben.de im Halbdunkel des Uttewalder Felsentores, auf den luftigen Höhen der Bastei und an all den anderen tollen Orten der Sächsischen Schweiz in Erfahrung bringen. Wer Lust hat, liest hier, ansonsten Daumen gedrückt, dass das aktuelle Hochwasser dort in der Jegend bald abfließt…

Ein Herz für krumme Knollen – Die Culinary Misfits

Sie sieht aus wie ein aus der Form geratenes Herz. Noch ist sie eingehüllt in den Staub der Erde, in deren Schoß sie gewachsen ist. Schälte man sie aber, sie würde herrlich gelbes Fruchtfleisch entblößen, ganz so wie die meisten anderen ihrer Art auch. Trotzdem ist sie in den Auslagen der Supermärkte eine Rarität. „Eine Kartoffel wie diese passt einfach nicht in die Norm“, sagt Lea Brumsack. Zusammen mit ihrer Freundin Tanja Krakowski hat sie daher in Neukölln ein Startup namens Culinary Misfits gegründet. Kulinarische Außenseiter, so könnte man das übersetzen. Im Wesentlichen verbirgt sich dahinter ein Cateringservice, mit dem die beiden Frauen sich des von Bauern und Händlern verstoßenen Obst und Gemüses annehmen. „Es geht uns darum, die vermeintlich hässlichen Entlein auf die Bühne zu holen und ihre verborgene Schönheit hervorzuheben“, sagt Krakowski.

Eine recht ehrenwerte Idee ist das, und da die Rezepte obendrein sehr lecker klingen und hübsch verpackt sind, stoßen die Misfits bereits auf einiges Interesse. Unter anderem auf meins, weswegen ich für die tip-Edition „Sommer in Berlin“ dazu auch eine Geschichte machen durfte. Gibt’s jetzt am Kiosk, andere interessante Dinge inklusive.

Die Misfits suchen übrigens gegen Belohnung noch einen Laden als dauerhaftes Domizil. Ansonsten gibt es hier bei Bedarf noch ein paar weiterführende Links sowie einen Filmtrailer zum Thema Lebensmittel und unser Umgang mit ihnen: Slow FoodDie EssensvernichterZu gut für die Tonne.

Immer dem Schnabel nach! – Der Kiwi ist Neuseelands Liebling

Die Sonne ist längst untergegangen, die Nacht hat sich über Neuseeland gesenkt. Nun könnte es ruhig werden im Dickicht. Doch nix da! Ein Waldbewohner wird gerade jetzt putzmunter: der Kiwi. Dieser seltsame Vogel, den es nur hier, am anderen Ende der Welt gibt, kriecht erst in der Dunkelheit aus seiner Erdhöhle und denkt gar nicht daran, den Schnabel zu halten. Auf der Suche nach seinem Frühstück begibt er sich tief ins Unterholz und macht seinen Artgenossen mit einem lauten „Uii, uii, uii“ deutlich: Das, bitte schön, ist mein Revier! Hier suche ich Futter!

Mit wackelndem Hinterteil beginnt er zu jagen. Den bis zu 15 Zentimeter langen Schnabel hält er dabei dicht über dem Boden. Denn im Gegensatz zu anderen Vögeln sieht er schlecht und orientiert sich am Geruch. Auch in anderer Hinsicht ist das kleine Pummelchen ein sehr bemerkenswerter Piepmatz: Er kann nicht fliegen, legt die im Verhältnis zur Körpergröße dicksten Eier und hat nach Überzeugung der Maori in grauer Vorzeit den neuseeländischen Wald vor einer Insektenplage gerettet.

Kein Wunder, dass sich die Neuseeländer mit stolzgeschwellter Brust selbst Kiwis nennen. Und das trotz des Umstandes, dass ihr Vorbild oft mies gelaunt ist. Vielleicht liegt es am schlechten Gewissen: Denn die vom Menschen eingeschleppten Hunde, Katzen, Wiesel und Frettchen machen dem Kiwi das Leben schwer – von einstmals mehreren Millionen sind heute nur noch etwa 70.000 Exemplare übrig geblieben, weswegen im ganzen Land aufwändige Schutz- und Aufzuchtprogramme laufen.

Mehr zum Kiwi ist auf der vorzüglichen Website von Kiwis for Kiwi oder aber in der aktuellen Ausgabe von Geolino zu erfahren, für die ich den puscheligen Langschnabel porträtieren durfte. Folgendes Video gibt aber auch einen ganz guten ersten Eindruck von Neuseelands unumstrittenen Nationalsymbol. Lang lebe der Kiwi!

Sternengucker auf sechs Beinen

Die Astronavigation erscheint Laien wie mir als schwierige Angelegenheit. Ein Blick in die einschlägigen Lehrbücher fördert kompliziert klingende Begriffe wie Sextanten, Ephimeriden, sphärisches Dreieck oder Greenwicher Stundenwinkel zu Tage. Trotzdem verstehen es nicht nur einige Menschen, sondern auch Vögel und Seehunde, sich vermittels der Gestirne selbst bei Nacht zu orientieren.

In diese Aufzählung reihen sich nun auch die Insekten ein. Genauer: Afrikanische Mistkäfer der Art Scarabaeus satyrus. Dass die lustigen Krabbeltiere statt Landmarken den Stand der Sonne, des Mondes sowie das polarisierte Licht um beide Himmelskörper nutzen, um sich in ihrer Umgebung zurecht zu finden, wusste Marie Dacke von der schwedischen Lund Universität schon länger. Dank ausgiebiger Experimente hat sie zusammen mit südafrikanischen Kollegen nun herausgefunden, dass die Käfer, um ihre an Kothaufen erbeuteten Dungkugeln möglichst schnell vor der Konkurrenz in Sicherheit zu bringen, auch die Milchstraße als Kompass nutzen. Daraus ergebe sich, so Dacke und Mitstreiter, „dass diese Fähigkeit im Tierreich möglicherweise weit verbreitet ist.“ Und das ganz ohne Sextanten.

Dass es sich hierbei um keinen Aprilscherz, sondern Resultat hochwissenschaftlicher Arbeit handelt, kann in der aktuellen Geo nachgelesen werden, in der ich den Versuch etwas ausführlicher auseinander gedröselt habe. Wer mehr über Dackes Arbeit mit Insekten und ihrer Orientierung erfahren will, bekommt in folgendem Video einen kleinen Einblick:

„Nötig ist eine Entzerrung der Verkehrswege“ – Interview zum Berliner Radverkehr

Berlin wird Radstadt. Zumindest der Statistik nach: In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich der Anteil der Wege, der hier mit dem Fahrrad zurückgelegt wird, verdoppelt, von sieben auf knapp 15 Prozent. Mit der jüngst aktualisierten Radverkehrsstrategie möchte der Senat diesen Anteil nun weiter ausbauen. In dem Papier ist von hindernisfreien und regelmäßig instand gesetzten Radwegen, „fahrradfreundlichen Zentren“, dem „Masterplan Fahrradparken“ und allerlei anderen Maßnahmen die Rede.

Das ist grundsätzlich sehr lobens- und wünschenswert, zugleich für eine Metropole, zumal eine klamme wie Berlin, aber auch mächtig viel Holz. Denn obschon sich bereits einiges in der Stadt getan hat – für eine wirklich fahrradfreundliches Berlin braucht es, wenn ernst gemeint, ein integriertes Konzept über die Bezirksgrenzen hinweg. Das jedenfalls habe ich vom Verkehrspsychologen Peter Kiegeland erfahren. Er plädiert für eine Entzerrung aller städtischen Verkehrswege, möglichst einheitlich und unkompliziert gestaltet. Keine leichte Aufgabe, wie er zugibt, aber zumindest als Leitziel unabdingbar.

Herr Kiegeland wusste auch einiges andere über die Renaissance des Fahrrads im Allgemeinen, Konflikte im Straßenverkehr und „leuchtende“ Radfahrer zu erzählen. Wer darüber mehr wissen will, kann das im aktuellen tip nachlesen oder hier auch online. Na denn, allseits gute Fahrt wünsch ich!

Reinigend – Die Deftones im Huxleys

Licht und Dunkelheit, Euphorie und Melancholie, Liebe und Aggression – keine andere Band versteht es derart meisterhaft, diese Extreme zu einem organischen Ganzen zusammenzufügen, wie die Deftones. Sie sind wütend und sehnsüchtig, direkt und wolkig-distanziert, und das alles so authentisch und unverwechselbar, dass sie nicht zu Unrecht schon seit langem zu den wichtigsten und respektiertesten Krawallmachern der Gegenwart gehören (mehr dazu auch im aktuellen tip).

Dick unterstrichen wird dies auch von ihrem aktuellen Streich „Koi No Yokan“. Erneut gehen hier knochentrockenes bis überhalliges Gitarrenspiel, zwielichtiger Gesang und unerhörte Schlagzeug-Grooves jene mächtige Allianz ein, die auf einer ganzen Gefühlsklaviatur zu spielen vermag.

Die am morgigen Dienstag, den 26. Februar stattfindende Show der Jungs im Huxleys zu Berlin ist daher schon lange ausverkauft, weil Pflichtveranstaltung. Das letzte Konzert zur „Diamond Eyes“-Tour war jedenfalls ganz großes Kino. Ich kann zum Glück wieder hin, hab leider aber auch kein Ticket über. Sorry…

Stühlerücken – Pothead im Huxleys

Frohes Neues! Erste Meldung im angebrochenen 2013 sind an dieser Stelle Pothead, die Motörhead Berlins: Gefühlt waren sie eigentlich schon immer da und dabei verlässlich wie ein Uhrwerk. In hektischen Zeiten wie diesen versprüht das Nestwärme und Geborgenheit. Nicht wenige Fans reagierten daher reichlich verstört, als sie sich unlängst damit auseinanderzusetzen hatten, dass Schlagzeuger Sebastian Meyer der Groove-Rock-Institution nach 18 gemeinsamen Jahren den Rücken kehrte.

Jetzt ist ein Neuer am Start. Nicolaj Godow heißt er und hat vorher zehn Jahre bei Knorkator gespielt. Witzigerweise ist Meyer wiederum bei eben jenen eingestiegen, quasi als Ersatz. Daraus ergibt sich eine Konstellation, die Gogow zwar als „hochemotional“ bezeichnet, Rosenkrieg ist trotzdem eher unwahrscheinlich. Dafür haben Pothead auch keine Zeit, schließlich gibt’s ja eine neue Platte namens „Jackpot“.

Alles weitere steht im aktuellen tip (Update: jetzt auch online), und wie viel Spaß die eher nur auf dem Papier neu formierten Pothead zusammen haben, lässt sich am 12.01. im Huxleys beim alljährlichen Berliner Heimspiel anschauen.